ABSCHIED VOM KLASSIKER
Nachruf auf den Showmaster Rudi Carrell
Rheinischer Merkur 13.7. 2006
Damals konnte man Shows und Showmaster nach anhand ihrer Requisiten erkennen. War auf der Mattscheibe das Porzellansparschwein zu sehen, wusste man, Robert Lembke ist da, flanierte ein Moderator im großkarierten Jackett über die Bühne, konnte das nur Peter Frankenfeld sein, und zogen auf einem Fließband allerlei Gegenstände des Konsums vorüber, zuletzt dann ein großer roter Würfel mit einem Fragezeichen, dann sah man Rudi Carrell und „Am laufenden Band“. Mit diesem TV-Geniestreich, der zwischen 1974 und 1979 Einschaltquoten von bis zu 65 Prozent erreichte, katapultierte sich der gelernter Bankkaufmann aus dem Land der Tulpen und mit dem „telegenen Pferdegesicht“ an die Spitze der deutschen Fernsehunterhaltung.
Vier Kandidatenpaare traten gegeneinander an, Vater und Tochter oder auch Großmutter und Enkel. Damit wurde der Wert von Familie aufs Podest gehoben und zum TV- Ereignis gemacht.
Vom Bauarbeiter bis zum Studienrat brachte der lässige, nie übereifrig wirkende Carrell zudem sämtliche Berufsgruppen in die Sendung. Wer erinnert sich nicht an die humorvolle Nonne auf dem Fahrrad, die selbst Atheisten zum Nachdenken anregte? Wer bei Carrell gewinnen wollte, musste Schlagfertigkeit, Witz und handwerkliches Geschick beweisen, um „Bildung“ im klassischen Sinn ging es erst am Ende, als drei Fragen zur „Tagesschau“ gestellt wurden. Das war demokratisch, befreiend und auf unheimliche Weise der Zeit voraus. Da saßen die aufgeregten Kandidaten vor dem Fließband und blickten mit habgierigen Augen auf die viel zu schnell vorbeirauschenden Qualitätswaren, die sie sich doch merken sollten. Heute hat das kommerzielle Werbeprinzip fast alle Sender erfasst.
Bauchredner aus Alkmaar
1934 als Rudolf Wijbrand Kesselaar in Alkmaar geboren, lernte Rudi Carrell das Showbusiness von der Pike auf. Dank des Vaters, der als Allroundunterhalter durch die Lande zog, doch niemals die Popularität seines Sohnes erreicht hat. Der junge Rudi unterhielt das holländische Publikum als Bauchredner, Zauberkünstler, Puppenspieler und Conferencier. Er spielte Sketche und moderierte Modeschauen. Als seine eigene TV-Show mit der „Rose von Montreux“ ausgezeichnet wurde, schaffte er 1965 denn Absprung nach Deutschland, wo er mit der „Rudi-Carrell-Show“ sein Debüt gab. Während hierzulande die Begeisterung für Glanz und Glamour auf biedere Weise gepflegt wurde und man die Stars des Jetsets von Gunter Sachs bis Curd Jürgens im Fernsehen hofierte, arbeitete Rudi Carrell, wie später noch oft, bewusst gegen den Trend.
Er verzichtete auf das Fernsehballett, in dessen Mitte ein Gaststar üblicherweise gefeiert wurde, auch gab es keine glitzernde Showtreppe mehr. Alles spielte sich statt dessen in der Ebene ab, die Studiokulissen waren aus dem Leben aller Menschen gegriffen: Bahnhöfe, Kaufhäuser, Campingplätze oder Flughäfen. „Gag muss auf Wahrheit basieren“, beharrte Carrell, der bei seinen Gags gängige Vorurteile wohl bediente, mitunter aber auch entlarvte. Wenn er Stars einlud, dann oft als Gruppe, mitspielen mussten sie aber immer. So etwa Muhammad Ali, gegen den vier Kandidaten eine halbe Stunde lang boxen durften. Ein Highlight des Fernsehjahrs 1975! Im Gegensatz zu vielen eitlen Kollegen beendete Carrell seine Erfolgsformate, bevor sie sich abnutzten und suchte nach Neuem. 1984 lief mit „Rudis Tagesshow“, die erste Sendung im deutschen Fernsehen, die das Tagesgeschehen parodierte, 1987 präsentierte er mit „Herzblatt“ die Urmutter aller Single-Shows. Carrell, der Unverwüstliche, war wieder on top, wenn auch nicht ohne fremde Hilfe.
Beide Shows wurden nach britischen Vorbildern konzipiert. Carrell machte daraus nie einen Hehl, trotzdem verpassten ihm die Holländer deswegen den Spitznamen „der Klauer“. Anders als Thomas Gottschalk war Rudi Carrell kein Improvisationsgenie - der Perfektionist war „Showarbeiter“: „Um witzig zu sein, muss man wahnsinnig viel nachdenken.“ Für „Am laufenden Band“ musste Carrell pro Folge neun neuartige Spielideen entwickeln, auch die Gags schrieb er selbst.
Der Golf spielende Workaholic hatte auch weniger angenehme Seiten. Bei einer von ihm nicht verschuldeten Panne, konnte er jähzornig werden, Ende der 60er Jahre verschliss er fast zehn Regisseure in Folge. Mitunter zeigte er eine Attitüde der Arroganz, aber nie gegen Publikum oder Kandidaten. Die wurden auch niemals so „gefoltert“ wie bei Dietmar Schönherrs „Wünsch Dir was“, der Familienshow beim Konkurrenzsender ZDF. Dieter Thomas Heck fand Carrell unerträglich, Kai Pflaume „feige“ und dass er Anke Engelke für die falsche Nachfolgerin von Harald Schmidt hielt, verschwieg er auch nicht. Zu Intendanten hielt er Distanz wie überhaupt zu allen Mächtigen. Als er 1987 in einer Sketch-Montage den damaligen iranischen Staatsführer Ajatollah Chomeini vorführte, wie er scheinbar Unterwäsche aufsammelte, die ihm ekstatische Frauen zuwarfen, war das wie ein Vorausgriff auf den Karikaturenstreit. Es löste eine Mini-Staatskrise aus. Carrell entschuldigte sich –beim iranischen Volk.
Niemals Stammtischniveau
Wiederkehrende Kritik von Feministinnen - seine Sketche seien sexistisch – prallte an dem schlaksigen Entertainer ab. Bezeichnenderweise war er seinen TV-Gegnern stets einen Winkelzug voraus. Als ihn Alice Schwarzer bei „Wetten, dass..?“ erwartungsgemäß anstänkerte, beteuerte er seine Unschuld, zog aber einen Büstenhalter hervor und tupfte sich damit den Schweiß von der Stirn. Carrell hatte nie irgendeinen Dünkel. In den 70er Jahren drehte er drei dieser klammottigen Tanten-Filme, wo er im Schlepptau von Ilja Richter, der als Serviererin verkleidet war, lustig sein musste. Im weißen Kittel warb er später für „Edeka“ und brachte der Handelskette ein Umsatzplus von 3,5 Prozent. Noch in den 80er Jahren machte Carrell Verkaufsveranstaltungen mit Heizdecken oder Hörgeräten - für ihn eine wunderbare Gelegenheit Gags in der Praxis zu proben.
Gerade im Seichten konnte Rudi Carrell immer wieder Funken schlagen. Sein mittlerweile zum Evergreen gewordene Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ überraschte mit der Zeile: „Schuld daran ist nur die SPD“. Wenn das Volk lacht, lachen die Intellektuellen auch – und nicht umgekehrt. Carrell wusste das, ohne dabei zu sehr ins Stammtischniveau abzurutschen. Rudi Carrell war, wenn nicht der beste, dann mit Sicherheit der einflussreichste Showmaster im deutschen Fernsehen. Fast 40 Jahre TV-Präsenz ohne längere Unterbrechungen. Er war der einzige Showmaster, der bereits kurz nach Adenauers Tod den Bildschirm erklomm und sein deutsches Publikum bis ins neue Jahrtausend hinein begleitet hat. Zuletzt mit der selbst produzierten Show „7 Tage, 7 Köpfe“, ein satirischer Wochenrückblick, die seit 1996 zu sehen war. Doch bevor das Erfolgsformat wegen gesunkener Quote eingestellt wurde, zog er sich hinter die Kulissen zurück. Wieder hatte er einen Sinn für das richtige Timing.
Man darf auch über Behinderte oder Kranke Witze machen, davon war Rudi Carrell überzeugt, ebenso davon, dass man sein Publikum zweimal am Abend zum Weinen bringen muss. Beides beherzigte der Show-Dinosaurier auch bei seinem letzten Auftritt im Februar diesen Jahres, als er vom Tod schon gezeichnet, aber mit sichtbarer Freude die Goldene Kamera für sein Lebenswerk in Empfang nahm. „Die Tatsache, dass ich hier heute Abend sein kann“, scherzte er mit schwächlicher Stimme „verdanke ich vor allem meiner Krankenkasse, dem Klinikum Bremen-Ost und der deutschen Pharmaindustrie.“ Das Publikum im Saal erhob sich, nicht wenigen schossen die Tränen in die Augen. Nicht so Rudi Carrell. Ein Showmaster weint nicht! Auch das war eines seiner Prinzipien, an die er sich eisern hielt. Während der indiskrete Showmaster heute die Regel ist.
Jürgen Bräunlein
> Zurück