"Von mir war nur ein Socken hier. Also nahm ich zwei von Dir. Tschüss bin im Stress."
Alltägliche Zettelkommunikation zwischen Pragmatismus und Poesie
Kompass • Blicke in die Gesellschaft 6.9.2004
Mitteilungen auf Zetteln im Alltag: Manchmal werden lediglich Sachinformationen übermittelt. Oft genug aber sind es liebenswerte, verspielte oder auch versteckte Botschaften. Auf ungewöhnlichem Papier geschrieben und aus dem Moment heraus entstanden. Auch wenn man annehmen könnte, der Siegeszug von Handy und SMS hätte der Zettelkommunikation den Garaus gemacht, wird sie doch hartnäckig gepflegt.
Birgit: Wir haben einen langen Flur. Und da gibt es zwei Haustüren, und dann kommt man zur Haustür rein und dann liegt da ein Zettel. Auf dem Fußboden. Direkt. Man kommt also zur Wohnung herein und weiß, was Sache ist.
Andrea: Ich habe mal in einer Zweier-WG gewohnt, da haben wir uns ganz viele Zettel geschrieben. Da ging's natürlich viel um Organisationskram. Wer wann weg ist, was zu besorgen ist, wer angerufen hat. Christine unterschrieb immer mit C., seitdem heißt sie C, ich bin A, weil ich unterschrieb immer mit A.
Kai: Wenn unsere Beziehung per Zettel kommuniziert wird, gibt es ein Problem, wenn der alltägliche Ablauf über Zettel kommuniziert wird, ist eigentlich alles bestens in Ordnung, würde ich sagen.
Tanja liest Zettel ihres Sohnes vor: Es tut mir leid, was passiert ist. Ich wollte dir nicht wehtun! Schönes Wochenende. Stehe bitte morgen mit mir auf, Küsschen: David./ Paul klingel' nicht, geh' zur Schule, meine Mutter schläft!
Peter: Meistens schreibe ich Zettel, wenn ich bei Uschi übernachte, sonntags speziell, dann schläft sie noch, und ich geh auf den Flohmarkt und stehle mich heimlich hinaus. Dass sie sich, wenn sie aufwacht, nicht irgendwie Sorgen macht, schreibe ich ihr einen kleinen Zettel. Den letzten Zettel fand ich am schönsten, ich hab da geschrieben: bin beim Jagen. Kannst du dich erinnern?
Uschi: Ja, also den fand ich auch schön, und wie Peter vom Jagen kam, also vom Flohmarkt, da habe ich ihn auch gefragt, ob er ein Schnäppchen gemacht hat, weil er eben auf dem Flohmarkt geht, um billig Sachen zu ersteigern, die er dann wieder verkauft. Und das sind diese "Jagen-Zettel".
Uschi und Peter. Ein Paar mit getrennten Wohnungen. Seit sie zusammen sind, und das sind schon mehr als 20 Jahre, hinterlassen sie Nachrichten für den anderen. Auf Papier, auf Servietten, auf Schmierzettel. Botschaften des Vertrautseins. Dabei entwickeln sie ihre eigene Sprache. Auch die gemeinsame Tochter Galina, die bei der Mutter wohnt, bekommt Zettel hinterlegt. Nicht immer die erfreulichsten.
Uschi: Dass ich meinetwegen Galina auf einen Zettel extra schreibe, sie soll die Wäsche aufhängen, wenn sie nach Hause kommt, weil ich, wenn ich dann nach Hause käme und die Wäsche dann immer noch in der Waschmaschine wäre, und ich es ihr dann sagen würde, dann hätte ich keine Lust auf das Feedback, was dann ungefähr so wäre: Ja! Ja! Mach ich ja schon gleich! Weil ich mir das einfach nicht antun will.
Tanja liest Zettel ihres Sohnes vor: Ich wünsche dir 14 gute Tage ohne mich. Ich werde die ganze Zeit an dich denken. Gratuliere Thomas zum Geburtstag von mir. Schönen Urlaub. Küsschen Dein kleiner David. / Warum hast du nicht aufgeschrieben, wie du den Trainingsanzug findest? Bis um 4 Uhr. Küsschen! /Liebe Mutti. Ich habe Kopfweh und Bauchweh, habe mich wahrscheinlich überfressen. Ich fühle mich ziemlich schlecht. Was soll ich machen? Ich habe mir schon ein Tuch umgemacht.
Tanja und David. Jahrelang haben sich die alleinerziehende Mutter und ihr Sohn häufig mit Hilfe von Zettelnachrichten verständigt. Da Tanja immer gearbeitet hat, oft auch abends, war sie häufig nicht zu Hause.
Tanja: Bei diesen Briefen, wo du klein warst, war's auch die Sehnsucht nach mir, dass du mir ständig mitgeteilt hast: ich bin im Bett, bin aber noch wach. Komm doch noch mal rein! Ich möchte morgen mit dir aufstehen! Das hat einen klaren Inhalt, aber damit war auch ein Wunsch verbunden. Wenn ich das heute lese habe ich ein schlechtes Gewissen. Mir fällt dann ein, es könnte sein, dass ich zu wenig für David da gewesen bin.
David: Ich denke schon, dass ich ziemlich viel alleine war, aber ich habe das ganz gut kompensieren können, denke ich. ich habe nicht darunter gelitten, ich habe viel Mist gebaut, aber selbst das habe ich in den Briefen verarbeitet und geschrieben. Und gesagt: Guck Dir mal den Teppich an, ich glaube, der ist ein bisschen... Tanja: ...angebrannt! David: Das sind einige Geschichten passiert (lacht) Komm doch mal rein: Gucke dir mal den Teppich an!
Auch Tanja schreibt ihrem Sohn Nachrichten auf Papier. Heute wie damals.
David: Es sind meistens klar strukturierte Ansagen, die da kommen. Eben genau das, was sie will. Und das kann sie komprimieren in einem winzigen Satz. In einem Art Befehlston. Ich muss darauf reagieren. Meistens ist es eine Ansage, wo ich dann weiß, dass ich damit arbeiten muss, ja dass ich auch etwas verarbeiten muss.
David ist heute 25. Im Gegensatz zu ihm hat Tanja die Zettelnachrichten, die sie damals bekommen hat, aufgehoben. Ausgebreitet liegen sie vor ihr. Schmierzettel, abgerissene Blätter, Seiten aus Schulheften:
Tanja liest Zettel vor: Liebste Mutter, habe Morgen Schule, übernachte bei Luise draußen. Wäre schön, wenn wir uns wieder einmal miteinander unterhalten könnten, sogar Luise meint, wie lange wir uns nicht gesehen habe. Am besten ich rufe dich Morgen in der Galerie an. Ich wünsche Dir einen schönen Schlaf. PS: Markus hat angerufen.
Tanja: Ich habe sehr viele Fotos aus der ganzen Zeit, aus meinem Leben und aus dem von meinem Sohn. Und das passte total gut dazu, das illustriert das ganz anders. Und viele Sachen sind einfach total rührend, das erinnert mich an eine Zeit, ganz anders als ein Foto, wie wir miteinander kommuniziert haben. Es ist ein Stückchen Familiengeschichte. Auch wenn David zum Beispiel schreibt: Matthias ist blöd! Das habe ich damals auch gar nicht richtig begriffen. Ich merke heute, dass ich viele Sachen gar nicht so wahrgenommen habe. Das ist mir nun viel klarer. Aufarbeitung ist vielleicht ein zu hoch gegriffenes Wort, aber ein Verständnis für Lebenssituationen, das größer ist.
Andrea: Wir haben verschiedene Räume auf dieser Etage und die sind abgeschlossen, jeder hat seinen eigenen Raum. Um Nachrichten zu übermitteln, heften wir uns häufig Zettel an die Tür oder schieben die unten durch. Da sind dann manchmal auch sehr kunstvoll oder grafisch gestaltete Sachen dabei. Die schönsten sind von meiner Kollegin Barbara Räderscheid, die auch einen Sinn für das Lyrische hat. Die hebe ich sowieso auf, weil ich mir einbilde, die wird mal berühmt. Und dann habe ich von ihr so Hand beschriebene Zettel.
Andrea. Sie ist Künstlerin in einer Ateliergemeinschaft. Die Nachrichten, die hier kursieren, werden auf alles Mögliche geschrieben: auf Klopapier, Tapete, Kontaktabzügen, Pappteller. Ornamente oder Blümchen zieren die Ränder. Manchmal wird eine Praline oder sogar ein Stück Kuchen dazu gelegt. Nicht immer aber geht es in der Ateliergemeinschaft so locker zu.
Andrea: Der Hauptmieter hat die Charaktereigenschaft, dass er so ein bisschen lehrmeisterlich ist - gelinde gesagt. Und dann bekommt man auch gerne mal eine Dina-4-Seite mit detaillierte Anweisungen, wie man die Etagen-Sitzung zu machen hat, zu der er nicht kommen wird, während wir als eigenständige Menschen uns schon Gedanken dazu gemacht haben. Von der gleichen Person gibt es auch ab und zu Gießanweisungen. Zum Beispiel habe ich mal seine Blumen gegossen, als er nicht da war. Er hat ein paar im Atelier stehen. Da steht dann detailliert drauf, wann und wie oft jede einzelne Blume gegossen werden muss.
Andrea schreibt selbst gern und oft Nachrichten auf Papier und vermisst sie mitunter bei anderen. Etwa bei ihrer Partnerin Uta, mit der sie eine Fernbeziehung hat. Wenn Uta abfährt, während Andrea schon in der Arbeit ist, und keine Nachricht in der leeren Wohnung hinterlässt, ist Andrea etwas enttäuscht.
Andrea: Wir haben eine Telefonierebene. Wir telefonieren ganz oft, meistens täglich. Und daneben gibt es aber die Postkartenaustauschebene. Das steht zwar nur drin, was wir uns am Vorabend schon gesagt haben, aber das macht nichts. Das ist so eine Art Zettelkommunikation auf Fernbeziehungsebene.
Kai: Die Zettelkommunikation ist bei uns relativ einfach. Es gibt zwei Arten von Zetteln. Einmal die Zettel, die ich schreibe. Und dann die Zettel, die Birgit schreibt. Also die, die ich schreibe, das sind die pragmatischen, organisatorischen Zettel, die sind fast jeden Tag da. In klarer Handschrift. Zum Beispiel: Am 7. Mai Abendessen bei Uli um 19:30 Uhr. Oder: Ich bin heute Abend nicht da und kann nicht kochen oder: Kannst du noch schnell bei der Post das und das abholen, das hab ich nicht mehr geschafft. Und dann gibt es die zweite Sorte Zettel, die kommen dann vierteljährlich, das sind längere Zettel, oft mehrere Seiten lang, da wird dann grundsätzlich die Beziehung thematisiert. Die schreibe aber nicht ich, sondern Birgit.
Birgit: Wenn mir etwas durch den Kopf geht und ich habe noch was zu tun und Kai ist nicht da in dem Moment, da muss ich das ja irgendwie kommunizieren, wenn ich es nicht den ganzen Tag mit mir herumtragen will, Also schreibe ich auf die Zettel. Kai: In letzter Zeit, da war der Stau wieder so groß gewesen, dass die Mitteilung sofort raus musste und egal zu welcher Uhrzeit wie ich nach Hause kam, war sofort Stellung zu beziehen...
Birgit und Kai. Ein Paar, das zusammenlebt und viel zu Hause arbeitet. Trotzdem sehen sich die beiden tagsüber mitunter selten. Die Wohnung ist 190 Quadratmeter groß, es verläuft sich und jeder ist mit seinen Aufgaben und Terminen beschäftigt. Aber das Paar bleibt miteinander im Gespräch. Im Hausflur hinterlegen sie sich Nachrichten.
Birgit: Da gibt es überraschende Momente. Dass Kai nicht nur pragmatisch kommuniziert über Zettel, sondern die sind auch gut gestaltet, schon spontan, aber nicht einfach so dahin geschrieben Mit Foto, oder irgendwie ein witziger Aufkleber: Wer rastet, der rostet zum Beispiel. Das finde ich reizvoll an Kais Kommunikation über das Pragmatische hinaus, dass man da auch witzige Fotos sieht und er schreibt dann was drunter. Oder Zeitungsausschnitte und das wird dann kommentiert. Aus der Zeitung etwa: Elvis Presley gibt Nixon die Hand und darunter steht: Abendessen 19 Uhr?
Uschi: Ich, die ja eine Brille braucht, habe viel schneller blind etwas auf einen Zettel geschrieben als Brille gesucht zum Mobi gegangen, dann diesen einzelnen Buchstaben durchgedrückt, also ich hab in drei Sekunden einen Zettel geschrieben, wo ich doch für eine SMS, die auch noch Geld kostet, bestimmt zwei Minuten brauchte.
Peter: Das ist auch der Grund, warum ich keine SMS schreibe, zumindest nicht an meine Geliebte, weil die leicht im digitalen Sumpf verloren gehen könnte.
Andrea: Wenn ein Zettel unter die Tür durchgeschoben war, man macht die Tür auf, dann kann es passieren, das man drauftritt, dann hat man einen Fußaufdruck, da ist also Alltag drin, ja Poesie im Alltag ist das ein bisschen. Ich habe vor ein paar Jahren einen Zettel bekommen von meinem Atelierkollegen, und den habe ich aufgehängt. Er hatte mir eine Leiter gemalt. Wahrscheinlich hat er sich meine Leiter geliehen und hat mir das mitgeteilt mit Filzstift. Der Zettel ist mittlerweile so verblast, man kann nicht mehr sehen, was da darauf war. Diese Leiter hat sich so langsam verflüchtigt: Zettel leben.
Uschi: Da kommt eine Frau zu ihrer Freundin und weint ganz furchtbar und sagt: Stell dir vor, Gerlinde, alles ganz furchtbar, mein Mann, der hat früher spioniert, der war bei der Stasi, der war ein Spitzel! Na, sagt dann die Freundin, Mensch, das ist schrecklich! Komm mal, wie hast du das denn rausgefunden? Nun, ich bin nach Hause gekommen, da lag ein Zettel im Flur Bin I. M. Keller. Na ja und das ist der Witz.
Jürgen Bräunlein
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