„LEBE WOHL, MEIN KLEINER FREUND!“
Eine kleine Kulturgeschichte der Tierbestattung.
Mut. Forum für Kultur, Politik & Geschichte Heft 11/2006
I.
Friedrich der Große (1712-1786) hat die Schulpflicht, eine eingeschränkte Pressefreiheit und die Kartoffel in Preußen eingeführt. Er gründete in Berlin die Akademie der Wissenschaften, sah den eigenen Beamten recht kritisch auf die Finger und wird noch heute gerne zitiert mit dem Bonmot "In meinem Staat kann jeder nach seiner Facon selig werden". Er konnte diesen Ausspruch – sofern er den von ihm stammte - auch auf sich selbst beziehen. Als Monarch wurde er respektiert, wenn er mitunter auch umstritten war, in seinem Privatleben aber galt er als seltsam, eigenartig, ja verschroben. Das kolportierten die Zeitgenossen.
Zu Frauen hatte der Alte Fritz nämlich nicht das beste Verhältnis, obwohl er verheiratet war. Gattin Elisabeth Christine von Braunschweig-Bevern (1715-1796), eine entfernte Verwandte des Hauses Habsburg, nannte er häufig und wenig charmant "eine dumme Gans", aber auch zu Männern fühlte sich der Monarch nicht wirklich hingezogen. Je älter er wurde, desto weniger konnte er Menschen vertrauen, stattdessen neigte er sich den Vierbeinern zu. Am meisten mochte er die aus Italien stammende Miniaturausgabe des Windhundes, das »Windspiel«. Der Monarch machte seine Umgebung zum Hundepark: Alkmene, Arsinoe, Thysbe, Phillis, Diana, Diana II.. Ein ganzes Rudel tobte ständig um ihn herum. Für den Alten Fritz waren Hunde weniger Jagdtiere als Gefährten und Lebensbegleiter. Das jeweilige Lieblingstier durfte sogar mit ihm im Bett schlafen, während die Gattin die meiste Zeit zahllose Kammern von ihm entfernt lag – wenn denn überhaupt. Mit ihr besuchte Friedrich der Große lediglich Galafeste – unvermeidbare Termine monarchischer Repräsentanz. So oder so hatten es die Vierbeiner besser. Sie wurden nicht beschimpft und hatten mehr Auslauf, denn Elisabeth Christine durfte das Schloss Schönhausen kaum verlassen, und daß sie nicht vollends verstoßen wurde, hatte sie wohl allein dem Schwiegervater zu verdanken, dem Friedrich das Versprechen abgeben musste, sich diesbezüglich nicht zu versündigen.
Hundenarr Friedrich der Große trieb es bis zum Äußersten: Starb einer seiner Favoriten, ließ Friedrich ihn auf der Terrasse von Schloss Sanssouci neben seiner Gruft begraben. Und als es mit ihm selbst zu Ende ging, und er sich nur noch mit Mühen ins Freie schleppen konnte, waren es allein seine Hunde und sein Leibhusar, die ihn begleiten durften. Am frühen Morgen des 17. August 1786 lag er dann wirklich im Sterben. Als er aber sah, daß sein Lieblingshund neben ihm wachte und fror, flüsterte er, kaum noch vernehmbar: „Deckt ihn mit einem Kissen zu!“. So jedenfalls will es die Überlieferung. Testamentarisch hatte er zudem verfügt, auf der Terrasse von Sanssouci mit seinen Hunden begraben zu werden. Erst 1991, nach der Wende, sollte sein Wunsch erfüllt werden. Und so liegt der Alte Fritz heute in einer schlichten Gruft, direkt neben dem, was er am meisten liebte, seinen insgesamt elf Hunden. Gattin Elisabeth Christine ruht hingegen 37 km davon entfernt im Berliner Dom.
Ein gutes Jahrhundert nach Friedrichs Tod nahm sich Richard Wagner ein Beispiel an dem Hunde liebenden Monarchen. Kurz vor seinem 50. Geburtstag stieß der Komponist auf einen Neufundländer, der ihm so ans Herz wuchs, daß er nicht mehr von ihm lassen wollte. Auch nicht im Tod. "Hier liegt Russ und wartet", ließ Wagner in den Grabstein meißeln, als er den geliebten Vierbeiner beerdigen musste. Am 18. Februar 1883 – und damit 5 Tage nach seinem Tod in Venedig – folgte das Herrchen dem Hund; der Leichnam musste erst nach Bayreuth transportiert werden. Im Garten der Villa Wahnfried liegen heute noch Richard Wagner und Russ Seit an Seit begraben...
Neben dem eigenen Hund beigesetzt werden? Das ist heute praktisch undenkbar. Nicht mal die Beerdigung des Haustieres im eigen Garten ist juristisch erlaubt. Seit 1.1. 2004 gilt für Tiere die Hygiene-Verordnung Nr. 1774 des Brüsseler Rates, demnach müssen sie nach ihrem Ableben in sogenannten Tierkörperbeseitungsanlagen entsorgt werden. Die strenge EU-Verordnung wurde seinerzeit als Reaktion auf die BSE-Krise erlassen und war gar nicht auf Haustiere gemünzt. Die Bundesrepublik hat es damals versäumt, Haustiere von der Entsorgungspflicht auszunehmen. Jetzt sind – laut Hygiene-Verordnung - die Bundesländer dazu verpflichtet, verbindliche Regelungen zu schaffen, insbesondere die Ausnahmen, und die sind zahlreich. Wer heute sein Haustier im eigenen Garten beisetzen möchte, muss bei der zuständigen Behörde eine Einzelgenehmigung einholen, das Prozedere, das auch eine Ortsbegehung mit einschließt, kann bis zu vierzehn Tage dauern. Eine groteske Situation, denn ein gestorbener Schäferhund ist aufgrund des Verwesungsgeruchs schon nach zwei Tagen kaum mehr in der Wohnung aufzubewahren, es sei denn man würde ihn einfrieren. Aber welcher Haushalt verfügt schon über ein so großes Kühlfach?
II.
Seit Menschen mit Tieren leben ist auch die Beerdigung von Tieren ein Thema. Das zeigen zum Beispiel Ausgrabungen in jungsteinzeitlichen Siedlungen. Man fand in den Menschengräbern vielfach vollständige Skelette von Hunden, aber auch Rindern und Schafen. Den Verstorbenen wurden die Vierbeiner als Begleiter in den Tod beigegeben (Kerberos-Motiv), oft waren es auch Lieblingstiere, die eine herausragende Rolle im Leben der beerdigten Menschen spielten. Nicht selten wurden diese Tier gewaltsam getötet. Das Verhältnis zwischen Mensch und domestiziertem Tier war eben immer schon eng und zwiespältig auch. Zwischen Verachtung und Verehrung, Misstrauen und Empathie, Missbrauch und Vermenschlichung.
Zu Tausenden töteten die Menschen der Antike Tiere bei brutalen Arbeitseinsätzen oder Jagdspielen in der Arena. Gleichzeitig beerdigten sie Hunde, Pferde oder Katzen, als handelte es sich um Wesen, denen die Aura des Überirdischen anhaftet. Protzige Grabsteine und Grabreliefs wurden errichtet, Epigramme verfasst, Abschiedsworte in Stein gemeißelt, Trauerreden gehalten. Der Historiker Stefan Schrumpf, der sich jahrelang mit dem Bestattungswesen im Römischen Reich beschäftigt hat, sammelte und interpretierte zahllose Grabinschriften: „... Gerne lag ich im weichen Schoß meines Herrn oder bettete das müde Haupt auf warme Decke, noch lieber redete ich laut mit dem Hundemaul, daß niemand einen Räuber fürchten musste. Jetzt aber deckt mich unter kleinem Marmorstein die Erde.“ Das Trauergedicht ist dem Jagd- und Wachhund „Margarita“ gewidmet und in Marmor ziseliert. Noch aufwändiger wurde der verstorbenen Hündin „Parthenope“ gedacht. Ein Grabrelief, an dem gewiss viele Tage, wenn nicht Wochen gearbeitet wurde. Das plastisch heraus gearbeitete Tier hockt entspannt und majestätisch auf einem sofaähnlichen Möbel und blickt mit einem Auge zum Betrachter.
Auch auf der Via Appia, wo sich einer der begehrtesten Grabplätze Roms befand, wurde verstorbenen Tieren der rote Teppich ausgerollt. Einmal zelebrierte ein prächtiger Leichenzug mit einem Flötenspieler vorneweg die Beisetzung eines Raben. Zwei äthiopische Sklaven trugen die mit Decken geschmückte Bahre, auf welcher der Vogelkadaver lag. Der Rabe hatte sich auf dem Forum Romanum eingenistet und konnte sprechen, zumindest hielten die begeisterten Römer sein Gekrächze dafür. Nicht jeder aber wusste das zu würdigen. Als der Rabe die Ware eines Schusters verschmutzte, rastete der brave Handwerker aus und erschlug das Tier. Dafür musste er büßen. Das wütende Volk lynchte den Schuster, dessen Beerdigung im Gegensatz zu dem des Raben ziemlich bescheiden ausfiel.
Fast alle römischen Kaiser hatten eine besondere Schwäche für ihre Pferde. Sie liebten die Vierbeiner wie heute viele Menschen ihr Auto. Kein Wunder: das Pferd war den Machthabern vieles in einem: Fortbewegungsmittel, Werkzeug der Eroberung, Statussymbol und eben ein lebendiger Begleiter, der, wenn nicht Gefühle, dann wenigstens blinde Anhänglichkeit und Treue zeigte. Heftige Emotionen beim Verlust stellten sich da fast zwangsläufig ein. Kaiser Caligula, maßlos in vielem, war es auch hier. Er ernannte sein Lieblingspferd „Incitatus“ allen Ernstes zum Konsul. Kaiser Hadrian stellte sogar Grabmäler für Gäule auf. Alexander der Große, ruhmreicher Feldherr hoch zu Ross, war der größte Pferdenarr von allen. Sein Favorit „Bukephalus“ wurde mit nahezu göttlichen Ehren beigesetzt, was den einfachen Römern damals mächtig imponiert hat und auch das Image von Alexander als Feldherrn und Genius – heute würde man sagen ein „Alphatierchen“ - nochmals hob. Schließlich verstarb das Tier im legendären Alter von 30 und soll gemeinsam mit seinem Reiter Heldentaten vollbracht haben, die sich kaum rational erklären ließen. Der trauernde Alexander zeigte sich von seiner sentimentalen Seite und ließ Münzen mit Szenen aus dem Leben des Schlachtrosses schlagen, und gründete später an der Stelle der Beisetzung, im heutigen Pakistan, zwischen den Flüssen Indus und Jhelum, eine Stadt mit dem Namen „Bukephala“.
All das klingt übertrieben, verschroben, vielleicht pathologisch - und dann doch wieder nicht. Mehr denn je, machen auch wir – zumindest in den kinderarmen Wohlstandsnationen - unsere Haustiere zu Schmusekatzen, Schosshunden, Bettwärmern und zum Partnersatz, ohne daß uns das immer bewusst wird. Daß wir gleichzeitig unbeeindruckt vorbeugende Massenschlachtungen, sei es im Zuge der Maul- und Klauenseuche oder bei der Vogelgrippe, vornehmen, ist für uns ein Widerspruch, den wir geflissentlich übergehen. Gerade in den Städten mit ihren begrenzten Grünflächen und raren Auslaufsmöglichkeiten holen sich die Menschen mit einem Haustier ein Stück verdrängte Natur in die steril gewordene Zivilisation zurück. 23 Millionen Tiere leben in Deutschlands Haushalten. Die Favoriten sind Katzen (7,5 Millionen), dicht gefolgt von Hunden (5,3 Millionen), dann kommen Kleintiere wie Hamster oder Meerschweinchen (6,1 Millionen). Zwei bis drei Millionen Haustiere sterben jährlich. Gar nicht so selten waren sie der engste oder gar einzige echte Sozialkontakt ihrer Besitzer. Im Todesfall kann die Trauer um das geliebte Tier dann leicht ebenso groß sein wie um einen Menschen. Auch das ist ein Grund, warum Tierbeisetzungen immer mehr gefragt sind. Die Branche boomt. Schon heute kümmern sich hierzulande rund 65 professionelle Tierbestatter um die letzte Ruhe unserer Haustiere.
III.
Reinhard Feldkamp ist einer davon. 1997, nach seiner Pensionierung, machte er sich mit „Silence“ selbständig, damals das erste Tierbestattungsunternehmen in Berlin. Der gebürtige Ostfriese, der auch Vorstand des Bundesverbandes der Tierbestatter ist, wurde damals viel belächelt. „Tierbestattung – wozu?“. Reinhard Feldkamp wählte einen ebenso ungewöhnlichen, wie stimmigen Ort für sein Unternehmen. Räume in der ehemaligen Kappelle eines still gelegten Parkfriedhofs in Berlin Tempelhof, wo in den Kühlräumen einst verstorbene Menschen lagen. Nun sind es tote Haustiere. In einem Raum der Stille, mit einem altarähnlichen Tisch und Blumengebinden, können die Angehörigen Abschied nehmen. Dann werden die Tiere mit dem Aufzug nach oben gefahren und auf dem Tierfriedhof nebenan bestattet, dort wo früher die Friedhofsgärtnerei war. Der ehemalige „Humanfriedhof“ kann hingegen frühestens in 20 Jahren nach seiner Stillegung genutzt werden. Rund 120 Tierfriedhöfe gibt es derzeit in Deutschland - in manchen Bundesländern können sie nur mit strengen Auflagen betrieben werden. Neun von zehn Haustieren sterben keines natürliches Todes, sie werden eingeschläfert. Die meisten von ihnen sind an Krebs gekrankt. Kein Zufall wohl, daß unsere Haustiere von ähnlichen Krankheiten gepeinigt werden wie wir selbst. Vor allem die Frage, ob der Zeitpunkt der „Euthanasie“ der Richtige war, quält viele Tierbesitzer noch jahrelang. Im Moment des Todes ihrer Lieblinge sind sie oft nahezu handlungsunfähig. Meistens stellt der Tierarzt den Kontakt zum Bestatter her. „Mindestens die Hälfte unserer Arbeit ist Trauerbegleitung“, sagt Reinhard Feldkamp, der selbst mehrere Hunde hielt. Als ehemaliger Behördenleiter in der kommunalen Verwaltung, hatte er auch keinen blassen Schimmer, was in seinem neuen Job alles auf ihn zukommt: „Ich fühle mich wie ein Psychologie.“ Er erzählt von einer alten Frau, die erst ihren Mann, dann ihren Hund verloren hat, und deren Kinder, die in anderen Städten leben, die Niedergeschlagenheit der Mutter nicht verstanden: „Trauern um ein verstorbenes Tier - das hat in unserer Gesellschaft immer noch wenig Akzeptanz.“ In Holland ist das anders. Größere Tierkliniken haben Psychologen angestellt, die sich um trauernde Tierbesitzer kümmern.
Im Empfangsraum von „Silence“ liegen koffergroße Särge auf dem Boden, farbige und sogar geblümte. „Wir verwenden kaum noch Holz, sondern meistens Pappe“, erklärt der Bestatter, „mit ökologisch abbaubarem Kleber in Form gebracht, ist der Pappsarg stabil, löst sich aber schnell auf.“ Auf vier Regalreihen stehen Urnen, alles Unikate, einige in Pyramidenform, nicht wenige bunt, manche mit aufgemalten Hunden, die über Wiesen springen oder Katzen, die unter einem Regenbogen schweben. Darauf steht: „Du warst der Treuste, Heiko!“ oder „Daisy, meine Sonne!“. Welche Art von Bestattung die beste Lösung ist, klärt sich schnell im Gespräch, so Feldkamp, wenn man den Tierbesitzer mit der Frage konfrontiert: „Was würden Sie für sich selbst vorsehen, im Falle Ihres Ablebens?“. Zwei Drittel entscheiden sich für eine Einäscherung, die anderen für eine Erdbestattung. Drei Tierkrematorien gibt es hierzulande: in München, Wesel (Nordrhein-Westfalen) und Bad Bergen in Osnabrück – „das modernste in ganz Europa, und richtig futuristisch eingerichtet“, schwärmt Feldkamp. Ein ausgeklügeltes Überwachungssystem garantiert, daß die Asche nicht verwechselt wird. Manche Tierbesitzer fahren trotzdem mit und nehmen die Asche gleich mit. Den dritten Weg, mit dem Tod des geliebten Haustieres umzugehen, unterschlägt der Bestatter: das Ausstopfen. Das ist auch bei weitem die teuerste Alternative. Das tote Tier muss innerhalb von 48 Stunden beim Fachmann angekommen sein. Die Lieferungsfrist dauert dann drei bis sechs Monaten je nach Körpergröße, entsprechend staffeln sich auch die Kosten (von 300 bis 900 Euro). „Barry du Grand Saint-Bernard“ wurde ausgestopft: der legendäre Bernhardiner gehörte Mönchen in den Alpen und war für seine Begabung, im Schnee verirrte Reisende zu bergen, berühmt geworden. Als er 1814 starb, hatte er 40 Menschenleben gerettet. Grund genug, ihn für die Nachwelt zu verewigen. Noch heute ist er im Museum von Bern zu sehen, außerdem steht ein Denkmal am Eingang des dortigen Hundefriedhofs, wo er bei der Arbeit gezeigt wird - mit einem geborgenen Kind auf dem Rücken.
Trauernde Tierbesitzer, das weiß man, finden am ehesten Trost in der Vorstellung, daß der Tod nichts Endgültiges ist, sondern nur der Übergang in ein anderes Leben. Tierbestatter Feldkamp hat es schon erlebt, daß zehn bis fünfzehn Menschen hinter dem Wagen mit dem Tiersarg herliefen. Grabreden hält er auch. Für Christen, aber auch für Muslime, bei denen das tote Tier mit dem Kopf gen Osten im Grab liegen muss. Franziskus von Assisi nannte Tiere „kleine Bruder“ und redete sie auch so an „Bruder Tier“. Reformator Martin Luther soll einem Mann, der ihn fragte, ob sein Hund nach dem Tod ins Paradies komme, geantwortet haben: „Ja, glaubst Du denn, daß das Reich Gottes eine Wüste ist?“. Der würdevolle Umgang mit Tieren ist ein biblischer Auftrag. So wundert es zunächst nicht, daß auf Tierfriedhöfen zahlreiche Holzkreuze stehen. Doch sie sind fehl am Platz. Das christliche Symbol hat mit Sündenvergebung zu tun. Tier aber handeln rein instinktiv – hier gibt es nichts zu vergeben. Tierbestattungen mit dem offiziellen Segen der Kirche gibt es deshalb nicht. Tierfriedhöfe bleiben ein Phänomen zwischen zwei Sphären. Der Tod ist ja ein natürliches Ereignis, so natürlich, daß Tiere in den meisten Fällen sein Herannahen spüren, sich in die Einsamkeit zurückziehen, allein sterben und eben einfach wieder zu Erde werden. Wenn man sein Haustier in einem Friedhof beerdigt, dann wird das natürliche Ereignis des Tiertodes in ein soziales Zeichen verwandelt. Das heißt: Die kreatürliche Welt des Animalischen wird geleugnet und der Regelkodex einer vom Menschen geschaffenen konventionalisierten Kultur einfach auf das Tier übertragen.
IV.
Die ersten öffentlichen Tierfriedhöfe der Moderne entstanden um 1900. Der berühmteste aus dieser Zeit ist der Tierfriedhof von Asnières, im Norden von Paris. Er liegt fast an der Stadtgrenze und wurde 1899 gegründet. Dabei ging es aber nicht nur darum, daß die Pariser ihre verstorbenen Lieblinge auch weiterhin um sich haben konnten - die Eröffnung hatte vielmehr handfeste Gründe: die Hygiene. Zwar konnten die Tierkadaver damals problemlos in die Abdeckerei gebracht oder im eigenen Garten vergraben werden, viele Tierhalter bestachen jedoch die Müllmänner, um sich so ihrer verstorbenen Hausgefährten zu entledigen. Wenn das nicht funktionierte, schließlich war es verboten, verschwanden die toten Hunde oder Katzen im nächsten Graben oder in der Seine, was zu Gestank führte und bei der Beseitigung zu hohen Kosten.
Heute steht der Tierfriedhof von Asnières unter Denkmalschutz und wird immer noch betrieben. Weit über 100 000 Tiere wurden bisher hier beerdigt. Hunde, Katzen, einige Pferde, Affen, eine Schildkröte und sogar eine Zirkus-Löwin. Der prominenteste Bewohner von Asnières ist „Rin-Tin-Tin“, Hollywoods legendärer Filmhund, der viele Kinder glücklich gemacht hat. Rührende Inschriften zieren die Gräber. Eine Dame widmete ihrem verblichenen Haustier diese Zeilen: „Geliebtes Huhn, 16 Jahre lebtest du mit mir, unzertrennlich wir zwei. Ich vergesse dich nie.“ Von den Touristen viel besucht wird auch das Grab des Pferdes Gribouille. 20 Jahre lang brachte der Gaul tote Tiere von Paris nach Asnières – im Dienste eines geschäftstüchtigen Abdeckers.
Grabinschriften verraten in der Regel mehr über die Hinterbliebenen als über den Verstorbenen. Auf Tierfriedhöfen ist das noch viel mehr der Fall. Den Tieren werden Gefühle zugeschrieben, die nie und nimmer bewiesen werden können. Schon zu Lebzeiten wäre das nicht möglich gewesen. Zwischen den Zeilen werden vor allem die unbewussten Wünsche der Tierhalter spürbar. Sehr oft findet man auf dem Tierfriedhof von Asnières verräterische Grabinschriften wie diese: „Man wird kaum einen liebenswerteren kleinen Hund finden und vor allem keinen, der mehr geliebt wurde.“ Oder auch: „Enttäuscht von den Menschen, niemals von meinem Hund“. Der Egozentrismus darin ist schwerlich zu überlesen. Das Tier selbst hatte ja keine Wahlmöglichkeit, ihm wurde die Rolle der einzigen Unterstützung im Leben zugeteilt, von ihm Tröstung erwartet, ohne daß es dies ablehnen konnte. Wenn Menschen alleinstehend sind, so möchte man denken, ersetzt der Hund die Mitmenschen, wenn sie zu zweit sind, ersetzt der Hund das fehlende Kind, das Wunschkind, aber niemals wird der Hund um seiner selbst Willen geliebt - er ist nur da für Herrchen und Frauchen. Noch weiter geht das Fazit von Michèle Wolff, die die Grabinschriften auf dem Tierfriedhof von Asnières semantisch untersucht hat: „Sicherlich sind die Besitzer der beerdigten Tiere nicht gefährlich, aber man kommt nicht umhin, ihnen mangelnde Fähigkeit der Kommunikation mit anderen Menschen zu attestieren.“
Nein, das kann nicht das letzte Wort sein. Völlig unterschlagen werden hier Freundlichkeit, Geselligkeit, ja der „soziale Witz“ (Silvia Bovenschen), der Haustiere, vor allem Hunde, auszeichnet. Mehrfach statistisch belegt ist, daß Alleinstehende mit Vierbeinern eine höhere Lebensqualität haben und im Durchschnitt auch länger leben. Verantwortung übernehmen sie ohnehin. Noch etwas verdient Erwähnung: Da Hunde oder Katzen eine deutlich geringere Lebenserwartung haben als Menschen, erleben wir, wenn wir sie als Jungtiere zu uns nehmen, ihre gesamte Lebensspanne hautnah mit: das Heranwachsen, das Altern, das Sterben. Gerade Kinder erfahren den Umgang mit dem Tod oft erstmals am eigenen Haustier. Damit gewinnen auch Tierfriedhöfe eine besondere Bedeutung. Sie setzen der Verdrängung des Todes aus dem Leben etwas entgegen.
V.
Jedes Kind in Japan kennt die Geschichte von Hachiko, einem Hund der Rasse Akita. Hachiko begleitete seinen Herrn, Professor Ueno von der Universität Tokio, täglich zum Bahnhof und holte ihn vom Zug auch wieder ab. Eines Tages starb Professor Ueno mitten in der Vorlesung an einem Herzinfarkt. Hachiko kam jedoch weiterhin zweimal täglich zum Bahnhof und wartete, Stunde um Stunde, bis er am Ende dann jedes Mal verzagt von dannen trottete. Mehr als 10 Jahre ging das so. Im Alter von 11 Jahren fand man ihn schließlich am 7. März 1935 tot am Bahnsteig liegen, genau dort wo er all die Jahre auf seinen Herrn gewartet hatte. 1934, noch zu seinen Lebzeiten, wurde Hachiko für seine ”beharrliche Ergebenheit” ein Bronzedenkmal errichtet.
Solche Geschichten gibt es viele. Rührende. Dabei sollte man nicht vergessen, was die Journalistin Claudia Ludwig, eine Expertin für Trauer um Tiere, schreibt: „Es ist wichtiger, sich um die lebenden Tier zu kümmern, als um die Toten.“ Das fand schon Vergil, der sich über die prunkvollen Tierbestattungen zu seiner Zeit lustig gemacht hat, indem er ein Spottgedicht auf eine dahingegangene Stechmücke kreierte.
Literaturhinweise:
Bundesverband der Tierbestatter e.V.: www.bvt-marburg.de
Claudia Ludwig, Wenn das Haustier stirbt. Vom Umgang mit Tieren, Tod und Trauer, Köln 2001.
Stefan Schrumpf, Bestattung und Bestattungswesen im Römischen Reich. Ablauf, soziale Dimension und ökonomische Bedeutung der Totenfürsorge im lateinischen Westen, Bonn 2006.
Michèle Wolf, Tierfriedhöfe in Frankreich, in: „Zeitschrift für Semiotik“, 1989/11, Heft 2/3.
Sibylle Prinzessin von Preußen, Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen "Die Liebe des Königs" Friedrich der Große, seine Windspiele und andere Passionen, 2006
Jürgen Bräunlein
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