Karo trumpft auf.
In diesem Herbst ist das Schottendesign ein Muss. Selbst im Kleingedruckten stecken große Werte
Rheinischer Merkur vom 30.10.2008
Was haben Jürgen von der Lippe und Vivienne Westwood gemeinsam? Gar nichts, möchte man spontan antworten. Doch in Wahrheit vereint den volkstümlichen Fernsehhumoristen aus Bad Salzuflen und die schrille britische Modedesignerin aus der Nähe von Manchester ihr guter Geschmack. Beide ahnten offenbar schon vor Jahrzehnten den letzten Schrei von heute und hielten unbeirrbar daran fest: am Karomuster.
Seit von der Lippe auf der Bühne steht, trägt er entweder Hemden aus Hawaii oder – noch häufiger – Buntkariertes. Holzfällerlook und Jürgen von der Lippe sind Synonyme geworden. Auch deshalb galt der Entertainer als besonders schlecht angezogen – bisher.
Westwood indes begann ihre Karriere damit, dass sie in den 1970er-Jahren Versatzstücke von schottischen Karomustern und Militärkleidern mit Hundehalsband und Sicherheitsnadeln kombinierte und so die Kultband Sex Pistols „No future“-gerecht einkleidete. Seitdem konnte Miss Westwood nicht mehr vom Schottenmuster lassen. Regelmäßig schickt sie Models über den Laufsteg, die wallende Hosen in Tartan tragen – einem Karo-Webmuster, das durch die Verwendung unterschiedlich farbiger Fäden entsteht. Als die Queen of Punk 1992 von Königin Elisabeth zum „Officer of the Order of the British Empire“ ernannt wurde, posierte sie in Marilyn-Monroe-Manier mit hoch gewehtem Schottenrock, unter dem sie – Adel verpflichtet – eine durchsichtige Nylonstrumpfhose trug.
Im Herbst 2008 ist die Botschaft von Jürgen von der Lippe und Vivienne Westwood wirklich bei allen angekommen. Ob Hosen, Hemden, Jacketts oder Mäntel – alles ist gemustert, Karo Trumpf. Selbst Billiganbieter wie H&M haben Passendes in petto. Damen, die modernen Brit Chic lieben, schlüpfen in figurbetonte Kostüme und Mäntel im schwarz-weißen Pepita- oder Rautenmuster. Wer es lässiger mag, trägt kurze Hemdkleider im Holzfällerlook, und Großmamas alte, flauschige Wolldecke und ihre karierte Küchenschürze dürfen auch wiederhervorgekramt werden. Alexander McQueen, der zahm gewordene Designerrebell, offeriert Abendkleider aus blauem Karo, einem Muster, das früher eher als Tischdecke getaugt hätte. Passend dazu darf Frau mit Stöckelschuhen im Schottenmuster herumlaufen.
Angesagte Sängerinnen wie AvrilLavigne und Amy Winehouse bevorzugen das strenge Gittermuster ebenso und übernehmen damit ein Stückchen Rebellion à la Sex Pistols auch für ihr Image. Lavigne trägt bei ihren Konzerten meist einen Minirock im traditionellen rot-schwarzen Schottenkaro, Winehouse als Abendgarderobe Kleider mit demVichy-Karomuster.
Selbst Männer kommen nicht unkariert davon. Auf der diesjährigen Musikmesse Popkomm zeigten sich auffallend viele männliche Besucher in einem Outfit, das Hochwasserhosen mit robusten Karohemden kombinierte, dazu trugen sie spitze Schuhe. Das letzte Mal, als Holzfällerhemden salonfähig waren, hörte man Grunge und orientierte sich modisch an Kurt Cobain.
Warum aber feiert das Karomuster ausgerechnet jetzt ein solches Comeback? „Weil es eine Zeit lang nicht dran war und jetzt eben auf fruchtbaren Boden fällt“, sagt Ursula Zillig, Professorin für Modedesign an der Hochschule für Künste Bremen, ganz lapidar. „Designer und Träger buddeln sich in ihre eigene Vergangenheit, in die späten Siebzigerjahre und in die frühen Achtziger zurück. Eine Zeit, an die man sich noch gut erinnern kann, die aber gleichzeitig nicht so nah ist, dass es einem unangenehm wäre.“
Die 1970er-Jahre, das war auch die Zeit der Bay City Rollers, der vermutlich ersten Boygroup und dem sauberen Gegenstück zu den Sex Pistols. Die Rollers, von denen drei Bandmitglieder Schotten waren, trugen einen „Tartan-Look”, und die Fans taten es ihnen gleich. Typisch waren parallel geschnittene Vier-Fünftel-Hosen, deren Nähte mit Streifen aus Schottenstoff besetzt waren, dazu holte man sich die passenden Schals, die meist als Accessoires am Gürtel oder am Handgelenk befestigt waren. Anfang der 1980er-Jahre tauchten dann die Popper auf, die Lacoste-Hemden und Cashmere-Pullover mit Rautenmustern überzogen und sich damit schnell unbeliebt machten. Popper galten als spießig und einfach zu gut gekämmt. Auch die Golfer, mit denen sich die Popper gleich prima verstanden, wählten für ihren damals noch elitären Freizeitsport ein kariertes Outfit.
„Man kann heute an der Kleidung wieder eine Tendenz zum Konservativen beobachten“, meint Ursula Zillig, „traditionelle Kleidungselemente passen in ein geistiges Klima, in dem alte Werte an Bedeutung gewinnen. Jeder, der nach dem Karo greift, zieht ein Bekenntnis zum Konservativen automatisch mit an.“
Königin Elisabeth wurde im letzten Jahr von der englischen Ausgabe der „Vogue“ zur am besten angezogenen Frau des Jahres gekürt. Die Traditionsmarke Burberry, die das wohl berühmteste Karo der Welt vertreibt und auch königlich britischer Hoflieferant ist, darf sich da gleich mit im Aufwind wähnen, denn die Queen liebt Karomuster in allen Varianten, als sei es das ästhetische Fundament der britischen Monarchie. Der Film „The Queen“ führte das mit allem Aufwand vor und setzte nicht nur der Königin ein Denkmal, sondern noch viel mehr ihrem modischen Stil. Stefano Gabbana und Domenico Dolce sind nicht die Einzigen, die sich davon inspirieren ließen. Siekreierten für den Herbst gouvernantenartige Schottenröcke mit Foulard-Knopftüchern, zu denen die Modemacher allerdings praktisches Schuhwerk empfehlen. Keine Frage, hier wird der Look der Queen lässig, aber eben nicht zu frech interpretiert.
„Es gibt eine Rückkehr zu den Basics, ein Bedürfnis nach dem Einfachen, nach dem, was scheinbar wirklich benötigt wird“, so Ursula Zillig. „Das Karomuster, die dazugehörigen schweren Stoffe und angerauten Wolldecken können auch dafür stehen. Kleidung wird zu einer Schutzhülle, im weitesten Sinne zu einer Möglichkeit temporären Wohnens.“
Mit dem Hollywood-Streifen „Brokeback Mountain“ wurden Millionen von Kinobesuchern daran erinnert, welche Geschichte mit dem Holzfällerhemd verbunden ist. Im 19. Jahrhundert trugen europäische Einwanderer die Hemden in der amerikanischen Steppe als Arbeitskleidung. Sie hüteten Vieh, forsteten Wälder auf und bauten Häuser. Rasch wurde das Cowboyhemd zum Inbegriff des amerikanischen Traums von der Freiheit unter der Sonne und dem kumpelhaften Sitzen am wärmenden Lagerfeuer. Doch auf dem europäischen Massenmarkt hatten es die karierten und auch gestreiften Hemden zunächst schwer. Die Zeitgenossen vermuteten, dass mit den Mustern Produktionsfehler oder Verunreinigungen kaschiert werden sollten.
Dass Heath Ledger, einer der zwei Hauptdarsteller aus „Brokeback Mountain“, im Januar verstorben ist, hat nicht nur den Schauspieler zur Legende gemacht. Kollegin Sienna Miller, die 2005 mit Ledger die Komödie „Casanova“ drehte, besitzt als Erinnerungsstück an den Mimen einen blau karierten Pyjama, wie sie kürzlich in einem Interview erzählte. So wird ein unauffälliges Bekleidungsteil zum Mythos erhoben und auch der Verkauf kräftig angekurbelt.
Wenn es um die Verbreitung von Modetrends geht, seien heute ohnehin professionelle Models nicht mehr so wichtig, meint auch die Professorin für Modedesign, Ursula Zillig. Es sind Pop-Prominente, die mit ihren öffentlichen Auftritten vorführen, was in und was out ist, und deren Stil dann kopiert wird. Die Sprösslinge von Adligen, Hollywood-Koryphäen, Popstars und millionenschweren Industriellen, die ohnehin ständig fotografiert werden, setzen den Trend der Stunde. Oft unbewusst, manchmal bewusst.
Peaches Honeyblossom Geldof, die Tochter des Rockstars Bob Geldof, ist so eine. Als Vorreiterin des neuen Karo-Looks marschiert die erst 19-Jährige nicht immer drogenfrei durch Londons Straßen, zeigt sich auf der London Fashion Week und gilt allein deshalb schon als eine der bestangezogenen Frauen Englands. Doch der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Ihr Vater war in den 1980er-Jahren selbst eine Stilikone. Auch Mick Jaggers Töchter Jade (Mutter: Bianca Jagger) und Scarlett Jagger (Mutter: Jerry Hall) beerben die glamourösen Eltern. Von Mama und Papa haben sie gelernt, wie man sich in Szene setzt – auch mit hochpreisigen klein karierten Klamotten – die finanziellen Mittel haben sie ja.
Der Trend zum Karomuster ist gewiss keine Arbeiterbewegung. Hier reproduzieren die Enkel der Schönen und Reichen den Schick ihrer Vorfahren, den ausgeflippten Geschmack des Establishments – wie stilbrüchig auch immer. Beispiel Lapo Elkann. Der attraktive lockenköpfige Urenkel des Fiat-Gründers entwarf maßgeschneiderte Jacketts und Anzüge in breiten Karos aus dem Stoff von Soldatenrucksäcken und trug sie auch selbst spazieren. Elkann hat die gleiche saloppe Eleganz und den extravaganten Geschmack wie sein Großvater, der Modedandy Gianni Agnelli. Der ließ den Schlips über dem Pullover baumeln oder trug die unteren Knöpfe des Hemds aufgeknöpft und wurde von vielen nachgeahmt. So wie jetzt sein Enkel.