Überfluss: Wohin des Weges? Alles ist verfügbar. Unser inneres Navigationssystem spielt verrückt. Ein Hilferuf.
Rheinischer Merkur vom 23.8.2007
Kürzlich fuhr eine junge Autofahrerin aus Kaiserslautern zu ihrem größten Schrecken mitten hinein in ein abgelegenes Birkenwäldchen, kam nicht mehr vor und nicht mehr zurück, und war so verzweifelt, dass sie die Polizei um Hilfe rief. Was war geschehen? Die Fahrerin vertraute der Stimme ihres neu eingebauten Navigationssystems, welche autoritär die Richtung vorgab. Solche gravierenderen Fälle digitaler Fehlinformation gab es in letzter Zeit häufig und sind – um aufkommende Vorurteile gleich abzuwehren - geschlechterübergreifend. So schoss ein Autofahrer in Caputh bei Potsdam sogar über die Kaimauer hinaus in den See. Auch er war das Opfer seines elektronischen Beifahrers, der da riet: Geradeaus weiterfahren!
Diese neuzeitlichen Unfall-Episoden sind wie Sinnbilder für das Dilemma, in dem wir Bürger des 21.Jahrhunderts stecken. Wir sind ausgestattet mit einen Vielzahl an hochkomplizierten, unendlich leistungsfähigen technischen Apparaten, die uns Beruf und Alltag leichter machen sollen, damit wir uns auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren können. Doch merkwürdigerweise tritt das Gegenteil ein. Ständig landen wir in Sackgassen schlimmster Desorientierung und verlieren den Überblick. Und das nicht nur an der Straßenkreuzung.
Früher war das besser. Da passte das Menschheitswissen noch locker zwischen zwei Buchdeckel, und an manche Information kam man als Normalsterblicher gar nicht heran oder es gab sie noch gar nicht, und das war vielleicht auch gut so. Zwar galt damals noch mit Francis Bacons Worten: „Wissen ist Macht“, doch im Gegenzug war auch nicht zu leugnen: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“. Es war schön und beruhigend, sich nicht um alles kümmern zu müssen. Weder um das Ozonloch in der Welt, noch um das Lohnniveau in China. Doch davon kann im Zeitalter von Internet und Globalisierung nicht mehr die Rede sein. Für fast alle Lebensbereiche können wir Informationen in Hülle und Fülle und in rasanter Geschwindigkeit einholen. Schon fühlt man sich schlecht und minderwertig, wenn man nicht tapfer versucht, per Mausklick auf dem laufenden zu bleiben. Nicht mehr: „Wissen schafft Macht“, erzählen deshalb Wichtigtuer, sondern mächtig ist der, wer die richtigen Informationen zur rechten Zeit abrufen kann". Doch was ist die richtige Information zu rechten Zeit? Im Fall der zitierten Autounfälle mit Navigationssystem war sie es offensichtlich nicht.
Nein, Informationen machen Angst. Heute werden uns Nachrichten sogar frei Haus geliefert, gerne ungefragt und massenhaft. Dank unserer Emailadresse, die wie ein alles verschlingender Briefkasten im Netz steht, wo nun Hinz und Kunz alles mögliche hineinstopfen können. Darunter viele Angebote, die vorgeben, unsere Lebensqualität verbessern zu wollen: Viagra-Pillen, ein ergonomischer Bürostuhl, ein elektrischer Knoblauchröster, Deutschland-Flaggen, Nebenverdienste im „first level support“... Das Aussortieren solcher nicht bestellten Mitteilungen ist fast zum Full-Time-Job geworden, der nur Verdruss bringt, aber nicht pauschal mit der Löschtaste erledigt werden kann. Der Zeitgenosse ist wachsam, aber eben auch verunsichert und will nichts versäumen, es könnte ja eine wichtige Nachricht im „Spam“-Ordner sein.
Wer heute mit beiden Beinen im Leben steht, der kann nur in Deckung gehen. Während er von allen Seiten mit Informationen und Dienstleistungsangeboten bombardiert wird, werden ihm gleichzeitig auf Schritt und Tritt Entscheidungen abverlangt, die stets von Tragweite und schnell zu treffen sind. Es beginnt vor dem Kühlfach im Supermarkt: Welche Fettstufe? Becher oder Glas? Mit Früchten oder Natur pur? No name oder Markenprodukt? Welcher Joghurt macht mich also glücklich? Glücklicher als die Dutzend anderen, die daneben stehen. Und ökologisch gerecht soll der Einkauf auch werden. Oder der benötigte Internet-Provider – ein Anbieter hat einen schlechten Service, der andere jahrelange Vertragsbindungen und der dritte ist so neu auf dem Markt, dass man nicht weiß, ob das Unternehmen in sechs Monaten noch existiert.
Unsere Lebenszeit rast dahin und auch die Produkt- und Angebotspaletten von Herstellern und Dienstleistern wechseln mit einer Dynamik die noch den gutmütigsten Konsumenten schwindelig macht. Da gibt es neuerdings ein iPod-Jacket, mit dem man telefonieren kann oder Bettwäsche mit Klimaregulierung. Ständig schießen neue Entscheidungsfragen wie Pilze aus dem Boden. Werden wir im Alter nur noch Suppen und Püriertes löffeln können? Angebote für Zahnzusatzversicherungen flattern ins Haus. Versäumen wir etwas, wenn wir sie ignorieren? Auch der Handy-Vertrag läuft aus. Doch welchen neuen sollen wir schließen? Und haben wir überhaupt die Kraft, uns durch den Dschungel an klein gedruckten Fußnoten zu arbeiten? Der Vergleich mit Konkurrenzangeboten ist ohnehin für die Katz. Wo man beim einen spart, zahlt man beim anderen drauf und umgekehrt. Das ist die raffinierte Heimtücke postkapitalistischer Wirtschaftsunternehmen. Und die Tarife und Konditionen wechseln ohnehin ständig. Wie will man sich heute noch „richtig“ entscheiden? In der philosophischen Alltagspraxis ergeben sich nur Alternativen, die keine sind. Entweder man entscheidet sich sofort und bereut fast ebenso schnell oder man nimmt angesichts der Größe des Angebots die Qual der Wahl ernst. Man ergeht sich in reifliche Überlegungen, die am Ende dazu führen, dass man jede Entscheidung verweigert. Man bleibt dann beim alten Anbieter, so lange bis der einen nicht mehr haben will oder eben Pleite geht. Aus Bequemlichkeit und lähmender Entscheidungsschwäche verharren so Millionen von Deutschen bei dem womöglich längst überteuerten Dienstleister, von dem schon Eltern und Großeltern Strom, Heizung oder Telefonleitungen bezogen haben. Vor allem die ehemaligen Staatsbetriebe profitierten davon.
Leider sind wir weder Madonna noch Michael Schumacher. Die haben so viel Knete, dass sie für sämtliche Lebensbereiche Berater einstellen, die dann überall die optimale Entscheidung für sie fällen: die beste Immobilie, der beste Internist, der beste Bioladen und die beste Religion. Wem all diese Entscheidungen abgenommen wurden, der hat dann Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens. Alle anderen, die sich keine Selektionsprofis leisten können, brechen eben manchmal unter der Last der zu treffenden Entscheidungen zusammen.
Aber sie stehen wieder auf und genießen dann die seltenen Momente, in denen auch sie Verantwortung abgeben dürfen, weil andere für sie entscheiden. Etwa dann, wenn sie in ihr Auto mit Navigationssystem steigen.
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