Comicfiguren: „The Black Knight“ kommt in die deutschen Kinos. Das Publikum giert nach Helden, die ihre Moral brutal durchsetzen.
Rheinischer Merkur vom 21.8.2008
Nicolas Cage ist Trendsetter. Um seinem Lieblings-Superhelden Luke Cage alias Power Man besonders nahe zu kommen, streifte der amerikanische Schauspieler schon vor Jahren seinen Nachnamen ab – immerhin der seines berühmten Onkels Francis Ford Coppola. Nicolas Cage hat in seiner Villa außerdem ein ganzes Zimmer für Comic- Bände reserviert, und im letzten Jahr flitzte er als motorisierter „Ghost Rider“ über die Leinwand. Endlich war er auch leibhaftig und mit großem Erfolg zu einer Comicfigur geworden.
Hollywoodstars vom Range eines Cage berichten derzeit gern, wie heftig ihr Herz für eine Kunstform schlägt, die vor 50 Jahren noch den Stempel „primitiv gezeichneter Groschenroman“ trug. Wer Comics liebt, war noch nie so sehr auf der richtigen Seite wie heute. Alison Bechdels autobiografische Graphic Novel „Fun Home“ wurde im vergangenen Jahr als erster Comic vom „Time Magazine“ in die Jahresbestenliste aufgenommen – auf Platz 1. Vor allem aber boomen Comic- Verfilmungen und sind sogar bei der Kritik wohlgelitten. In der ersten Jahreshälfte waren hierzulande die zu Fleisch gewordenen Superhelden „Iron Man“ (Robert Downey jr.) und „Der unglaubliche Hulk“ (Edward Norton) echte Blockbuster, der neue, vielgepriesene Batman-Film „The Dark Knight“, der an diesem Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, wird wohl auch bei uns ähnliche Rekordeinnahmen erzielen wie in Amerika. Die schöne Angelina Jolie, die so gern mit ihrem Lebensgefährten Brad Pitt die heile Großfamilie promotet, schlüpfte für die aberwitzige Comic-Adaption „Wanted“ (Kinostart 4. September) in die Rolle einer tätowierten Killerin. Teure Stars kann man sich leisten, denn die Lizenzen für die gezeichneten Vorlagen sind nicht allzu teuer, und ein Film zu einem erfolgreichen Comic hat gute Chancen, ebenfalls erfolgreich zu werden – wenn nicht noch erfolgreicher, wie „The Mask“ (1994) und „Men in Black“ (1997) beweisen.
Doch solche Triumphe sind auch die Bilanz eines Scheiterns. In Hollywood gehen die Stoffideen zur Neige, die Heldenfiguren von einst haben an Glaubwürdigkeit und Reiz verloren. Altgediente Retter der Welt wie James Bond oder der Polizist Johan McClane („Stirb langsam“) wirken verbraucht. Die Renaissance des Antikenfilms mit seinen muskelbestückten Recken („Troja“, „Alexander“, „Gladiator“) war auch nur von kurzer Dauer. Für eine zeitgemäße Wiedergeburt des Heldentums plündern Drehbuchautoren deshalb ungeniert das Figurenarsenal der gut 100-jährigen Geschichte des modernen amerikanischen Comics: Supermänner reloaded.
Storys und Figuren werden aus dem schlüpfrigen Sumpf von Pulp-Heftchen gezogen. Es sind plakativ erzählte und spektakulär inszenierte Geschichten, angereichert mit Elementen aus Hardboiled-Krimis, fernöstlicher Ninja-Ästhetik und Phantasie-Trash. Das Ergebnis ist so gewalttätig wie ironisch, obszön und übertrieben. Doch werden, auch wenn das Personal wechselt, immer noch dieselben Geschichten wie früher erzählt. Bei „Sin City“ (2005), einem brutalen Bilderrausch im Hightech-Gewand, weiß man gar nicht, was man mehr bestaunen soll: die visuelle Brillanz und die formale Konsequenz, mit der Kult-Comicautor Frank Miller zusammen mit dem Regisseur Robert Rodriguez die gezeichnete Ästhetik auf die Leinwand gebracht haben, oder das Fehlen jeglicher Moral in der Geschichte. Es ist ein blutrünstiges Rachestück, bei dem jedes Opfer auch Täter ist und deshalb sterben muss. Ziemlich simpel zwar, doch die Botschaft, die der Film transportiert, könnte ebenso aus einer griechischen Tragödie stammen. Menschliche Handlungen sind in ihrer kausalen Verstrickung unausweichlich und führen in die Katastrophe. Die ewigen Kämpfe von Gut und Böse gehen weiter.
Philosophisch nicht uninteressant kommt auch „Der unglaubliche Hulk“ daher. Ein von seinem Körper entfremdeter Büromacho geht fast an sich selbst zugrunde. Zwischen gefährlichem Kontrollverlust und zivilisatorischer Anpassung pendelt er hin und her. Hatte nicht auch Odysseus, der sich fesseln ließ, um dem gefährlichen Gesang der Sirenen zu entgehen, mit demselben Problem zu kämpfen? Längst hat sich die Popkultur im Comic ihre eigenen Mythologien geschaffen, im Medium Film werden sie konsequent weitergesponnen und vermarktet. Superman tritt die Nachfolge von Samson und Herkules an. Batman, der maskierte Rächer, ersetzt Siegfried, den strammen Drachentöter. Und Spiderman, dem der Biss einer radioaktiven Spinne Superkräfte verliehen hat, ist eine zutiefst moralische Figur. Aus großer Macht, das ist seine Lektion fürs Leben, erwächst große Verantwortung. Zum Wohle der Allgemeinheit muss er seine Omnipotenzphantasien zügeln, aber auch seine Depressionen in den Griff bekommen.
Superman, Batman und Spiderman sind zu generationsübergreifenden Verständigungstexten geworden. Für die Filmindustrie bedeutet das mehrere Zielgruppen in einem. Die Comic-Figuren, die heute immer gebrochener sein dürfen, werden von den Jungen ebenso geschätzt wie von den Alten. Auch sie können nicht mehr davon lassen, schließlich sind sie damit aufgewachsen. In seinem Film „Im Laufe der Zeit“ erzählt Wim Wenders anrührend davon. Bruno kehrt auf die Insel zurück, wo er mit seiner Mutter in einem mittlerweile verfallenen Haus mit verwildertem Garten die Kindheit verbracht hat. Unter Holzstufen zieht der erwachsene Mann die damals versteckten Comic-Heftchen hervor.
Comics waren der schmutzigste Triebstock im Garten kultureller Hervorbringungen. Es dauerte, bis man sie als die „neunte Kunst“ in den Kanon der bildenden Künste aufgenommen hat. Nach dem Krieg bezeichneten deutsche Verleger ihre Produkte verschämt als „Bilderzeitschrift“ oder „Bilderfolge voller Abenteuer“, um sich von den US-Comics abzugrenzen, die von Pädagogen und Intellektuellen für „psychologisch gefährlich“ gehalten wurden – „wegen der Reduzierung aller Formen und Gehalte zum bloßen primitiven und handlungsreichen Stoff und der Abstumpfung der kindlichen Phantasie“. 1951 titelte der „Spiegel“ noch bierernst: „Comics – Opium in der Kinderstube“. Es musste schon die Pop-Art mit Roy Lichtenstein und Andy Warhol kommen, um einen Gesinnungswandel einzuleiten. Aber selbst Jane Fonda fühlte sich noch unwohl, als sie 1968 die Titelrolle in der „Barbarella“-Verfilmung Übernahm. Bis heute fehlt der Vietnamaktivistin und Feministin das rechte Verständnis für das trashige Meisterwerk.
In ihrer Verschmelzung von Text und Bild, den Sprechblasen, Soundwords und den atemberaubenden Sprüngen von Panel zu Panel passen Comics zum Film wie die Faust aufs Auge. Bereits 1919 hat Winsor McCay „Little Nemo“ animiert, und in den 1930er-Jahren sorgten die „Flash Gordon“-Filme für einiges Aufsehen. Doch noch war die Tricktechnik nicht so ausgereift, um die überspitzten Comic-Welten glaubhaft verfilmen zu können, deshalb reagierten die Zuschauer auch eher verhalten. Das hat sich geändert. Superhelden toben sich auf der Leinwand heute weitaus beeindruckender aus als in Comic-Heften. Die Verfilmungen sind wahre Materialschlachten der Computertechnik geworden. Für Ang Lees „Hulk“ (2003) haben angeblich 186 Animationskünstler 2,5 Millionen Rechnerstunden aufgewendet, der Erfolg gibt ihnen recht. Damit ist der Comicstrip im Medium Film ganz bei sich angekommen und praktisch überflüssig geworden. Seine größte Stärke, extreme Phantasiewelten zu inszenieren, hat er weitgehend verloren, Computeranimationen und am Rechner generierte Spezialeffekte machen das viel besser. Im fortgeschrittenen Multimedia-Zeitalter haben Comic-Hefte schlechte Karten. Das einstige Nischenprodukt von Subversion und Anarchie ist Bestandteil einer beängstigend weitreichenden Wertschöpfungskette. Mit Figuren wie Indiana Jones, Terminator oder Robocop schuf sich Hollywood bereits in den 1980er-Jahren Leinwandhelden, die ihre Karrieren als Comicfiguren, Romanhelden und Protagonisten von Computerspielen fortsetzten. Wer möchte, kann sogar auf einen Flipperautomaten namens „Indiana Jones“ spielen.
Die grandiosen Erfolge, die derzeit mit Comic-Verfilmungen erzielt werden, tragen – und das ist eine schlechte Nachricht – zum Niedergang einer Gattung bei. Comicautoren können dann als Drehbuchautoren nach Hollywood abwandern. Fast möchte man da die Literatur beneiden. Weder von Blockbustern noch Spielkonsolen ist sie in ihrer Existenz bedroht. Sie sperrt sich oft genug sogar erfolgreich einer Verfilmung. Und hat damit im Gegensatz zum guten alten Comicstrip hervorragende Überlebenschancen.
> Zurück