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Leseprobe In der Nase bohren (Rhinotillexis)aus: Jürgen Bräunlein, Lexikon der schlechten Gewohnheiten, Rowohlt 2007 Es geht ganz einfach: den Zeigefinger in eines der Nasenlöcher schieben, vorsichtig die Wände entlangfahren, mit Fingernagel und Fingerkuppe Ablagerungen abschaben, aus dem Nasengang herausrollen und zwischen Daumen und Zeigefinger zu Kügelchen verarbeiten. Daran gestorben ist noch niemand, doch gilt dieser Zeitvertreib mindestens als ebenso anrüchig wie die Freude an der Pornografie. Jeder findet Nasebohren ekelhaft, aber alle tun es. Und schämen sich ganz fürchterlich, wenn sie dabei ertappt werden. Auf der Straße vor allem, dem beliebtesten Ort popelnden Tuns. Rote Ampel und Stau sind geradezu unheimliche Auslöser, die Millionen von Autofahrern, vorzugsweise Männer, reflexartig zu Nasenbohrern werden lassen. Außen ausgebremst, besinnen sie sich auf sich selbst, gehen nach innen, meditieren. Denn so muss die Nasenbohrung letztlich verstanden werden: als Medium der Kontemplation. Der Mensch lässt los, sein Körper entspannt, die im Verborgenen grübelnde und wühlende Fingerspitze ist die stille Begleitmusik dazu. Die eigentümliche Wollust, die sich dabei einstellt, wird von Sittenwächtern bis heute verschwiegen - aus ihrer Sicht völlig zu Recht. Denn das Vergnügen, seine Finger in eine dunkle Höhle zu stecken - warm, feucht und sonst unzugänglich -, rührt an Urinstinkte, die zu wecken jeden Abenteuerlustigen locken muss. Schließlich ist die Nase nicht irgendein Körperteil, sondern steht – aber hallo - mit der erotischen Grundausstattung unseres Leibes in engster Verbindung. Um es in aller Klarheit zu sagen: Die Schwellkörper oben wie unten werden vom selben Nervensystem gesteuert. Wie alle guten schlechten Gewohnheiten erlaubt das Nasebohren etliche Varianten. Der Zeigefinger wird vielerorts durch den kleinen Finger ersetzt und auch der gewonnene Popel auf verschiedene Weise entsorgt. Da gibt es die eleganten Wegschnippler und jene, die ihren getrockneten Rotz verspeisen; sie heißen übrigens Mukophagen („Schleimesser“). Kann man über die Ersteren aus hygienischen Gründen die Nase rümpfen, ist das im Fall der Mukophagen unangebracht. HNO-Ärzte sind davon überzeugt: Der Verzehr des proteinhaltigen Nasensekrets stärkt aufgrund der darin enthaltenen Bakterien das Immunsystem. Trotzdem wird jungen Erdenmenschen, kaum haben sie entdeckt, dass ihre Finger perfekt ins Nasenloch passen, eingebläut, darin zu bohren sei ein verwerflicher Akt. Wer seinen Finger in die Nase steckt, kriegt ihn nie wieder heraus, bekommt eine entsetzliche Nasenspitzenwurzelentzündung oder gar eine hexenhafte Höckernase. So heißen die Ammenmärchen, mit denen popelnde Erwachsene ihren popelnden Kindern Angst und Schrecken einjagen. Pädagogisch wertvoller wäre es, Eltern würden ihre Sprösslinge über die wahren weltgeschichtlichen Hintergründe unterrichten und ihnen die ungeschönten Bilder der Mächtigen ins Kinderzimmer hängen. Sowohl von Königin Elisabeth II. als auch vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush existieren Fotos, die sie als geübte Nasebohrer ausweisen. Björk gehört ebenfalls in die Reihe der Experten. Der Berliner Underground-Autor und Islandexperte Wolfgang Müller beobachtete die Sängerin in ihrer isländischen Heimat beim entspannten Sitzen in einer Heilquelle. Dabei bohrte sie in beiden Nasenlöchern gleichzeitig. Das ist eine Meisterleistung und fast so ungewöhnlich wie Björks Musik. Man bedenke die Wandlung, die sich hier vollzieht: vom Popidol zur Popelikone. Literaturhinweis: > Zurück |
